Mein Buch

Buchtitel: „Tränen waschen den Staub von der Seele“

Heike Severin

Lesung

Wann nehmen wir den Fuß vom Gaspedal des Lebens? Wann beginnen wir, uns an uns selbst zu erinnern und was ermutigt uns dazu? Jeder Mensch trägt seine Geschichten in sich, die wiederentdeckt und entstaubt werden möchten. Heike Severin hat sich für dieses Buch auf die Stille eingelassen, um ihren Erinnerungen Raum zu geben.

In ihrer neuen Wahlheimat Schweden und im Herbst ihres Lebens angekommen, blickt die Autorin zurück auf Jahre, die sie mit der Überholspur ihres Lebens bezeichnet. In leichter, poetischer Sprache macht sie alte Plätze sichtbar und sucht nach Antworten auf noch offene Fragen. Sie spürt ihren russischen Wurzeln nach, erzählt von Kindheit und Jugend in der DDR und der turbulenten Nachwendezeit, den Herausforderungen als Unternehmerin, als Mutter und dem ewigen Konflikt zwischen Verantwortung, Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach Raum und Zeit für sich ganz allein.

Ein Buch, das sich der heiklen Frage nach dem gelungenen Leben gelassen stellt. Ein Buch, das vom Luxus schwärmt, nackt im glasklaren Wasser eines schwedischen Sees zu baden. Ein Buch, das erinnert und sich auch den Themen der heutigen Zeit stellt.

Dauer: 1 Stunde

 

 

 

Heute ist ein neuer Tag

...in meinem Schwedenleben, die Herbstsonne lockt mich relativ früh aus dem Haus. Ich ziehe mir eine warme Jacke an, schnappe mir meinen Kaffee und gehe runter in den Garten. Es riecht nach Laub, und der Geruch erinnert mich daran, dass wir als Kinder im Herbst immer Kastanien sammelten, um sie dann für ein paar Pfennige an den Förster zu verkaufen. Ich setze mich auf eine Bank, um dem bunten Treiben der Blätter ein wenig zuzusehen. Die meisten haben ihren Tanz in diesem Herbst schon getanzt, liegen auf dem Boden und sind der Verwesung preisgegeben. Für diesen einen, nur für diesen einen Tanz haben sie gelebt. Meine alten Riesenbäume werden kahl, verlieren darüber sicher nicht einen Gedanken und, wie es scheint, auch nicht ein Fünkchen ihres Stolzes, so nackt und bloß, wie sie nun schon dastehen.

Und das brauchen sie auch nicht, denn sie wissen, dass im nächsten Jahr wieder neue Blätter treiben. Sie wissen um den ewigen Kreislauf des Werdens, des Neubeginns und des Vergehens. Ich schaue ihnen zu und denke: Es wäre schön, wenn wir Menschen von ihnen lernten. Wann habe ich damit begonnen, den Fuß vom Gaspedal meines Lebens zu nehmen? Wann habe ich zu sehen begonnen und warum? Hier auf der Bank sitzend, im Herbst meines Lebens, in meinem ersten Herbst in Schweden, beginne ich mich zu erinnern, und ich frage mich, ob es mir wohl gelungen ist, das Leben.

Das Buch wird vorraussichtlich Ende Februar im Handel erhältlich sein.